Paraskevas Akamatis im Interview 25.05.2014


1.Die „Femen“-Strategie ist Sextremismus. Sich ausziehen, um für Rechte zu kämpfen. Würdest Du sagen, dass der Porno aus „Zoniana Gold“ zu vergleichbarem Zweck eingesetzt wird, um auf die Zustände in Griechenland aufmerksam zu machen?


2. Sind der Exhibitionismus und die Selbstveräußerung der Protagonisten paradigmatisch – z.B. für den Tourismus in Griechenland? Gibt es auch so etwas wie Krisen-Tourismus?









3. Sind es wirklich viele Menschen, die sich in einer Tauschbörse organisieren? Positivberichte aus dem “kritischen“ Griechenland stellen es so dar, als würde die Selbstorganisation der Arbeitslosen ständig zunehmen.





4. Wie weit in der Zukunft spielt der Roman? Es gibt keinen konkreten zeitlichen Anhaltspunkt, so dass jederzeit der Übergang in den beschriebenen Zustand erfolgen könnte. Wolltest Du wirklich ein Buch über die Zukunft schreiben oder ist das Buch ein Gegenwartsroman?




5. In Deutschland wird eigentlich nur der Krimiautor Petros Markaris übersetzt, dessen Werke auch „Krisenkrimis“ genannt werden. Hast Du etwas von ihm gelesen, wenn nein, warum nicht und hälst Du die Beschreibung der Situation in Griechenland in seinen Büchern für zutreffend?



6.Wie sollen sich Deutsche über den Umgang mit der Krise in Griechenland informieren, wenn keine griechische Literatur ins Deutsche übersetzt wird?











7.Welche zeitgenössischen Autoren aus Griechenland sollten – neben Dir! - ins Deutsche übersetzt werden?









8.Planst Du eine Übersetzung deines Buches ins Deutsche?




1. Ich glaube, dass heute ein gigantischer Teil unserer Kultur von den Grundregeln des Pornos durchdrungen wird: Schnell, unersättlich, mit viel Gestöhne, wenig Dialog und gestelltem Ende. Irgendwie so führt uns das zum ersehnten Ergebnis. Der perfekte Konsument hat keine Rechte. Er hält nur Pseudogefühle aufrecht.



2.Der Tourismus, seiner Natur nach, baut gewöhnlich auf billigen Genuss oder teure Lügen. In Griechenland werden wir, zusammen mit der Akropolis, schon bald anfangen, auch unsere Körper zu verkaufen. Das verlangen sie von uns, und glaubt mir, für viele Menschen gibt es keine Reaktionsmöglichkeiten mehr. In Thailand (wie auch in vielen anderen Ländern) sind die Einheimischen gezwungen ihre Kinder an reiche Einwohner Europas und Amerikas zu verkaufen. An reputierliche Herren, die nach Sex mit Zehnjährigen gieren. Die Tickets nach Asien sind aber teuer. Griechenland kann leicht das neue Thailand werden.



3.In jedem Land, in dem sich die Krise ausbreitet gibt es in der Tat Viele, die versuchen, mittels vom Tausch von Dienstleistungen oder Produkten zu leben. Einer bietet Musikstunden an und ein anderer, anstatt Geld, gibt ihm ein wenig Fleisch. Was aber zeigt das? Vielleicht, dass die Wirtschaftssysteme dem Menschen nicht mehr dienlich sind. Die Gelder und die Zahlen, die wir selbst erdacht haben, zeigen sich nun als unsere schlimmsten Feinde.



4. Ich habe versucht, ein Buch über die Zukunft zu schreiben, das den Leser aber ständig an die Gegenwart denken lässt. Stell Dir vor, du fährst ein Auto, machst das Radio an und hörst eine völlig fantastische Geschichte. Am Ende der Geschichte erfährst Du dann aber, dass dein Auto in der nächsten Kurve wirklich in einen Abgrund stürzen wird. Was tust Du? Hälst Du an oder fährst Du weiter?



5.Es gibt viele realistische Elemente in den Geschichten von Markaris. Es ist bemerkenswert, dass er eine über bestimmte optische Feinfühligkeit für die Gesellschaft und ihre Probleme verfügt. Natürlich gibt es noch viele herausragende griechische Schriftsteller, die unbekannt bleiben.



6.Die herrschende Kultur liebt immer die Stereotypen. Mittels dieser kannst Du Menschen einfacher lenken und außerdem noch Geld machen. In Deutschland hörst und liest Du: „Die Griechen sind Faulenzer“. In Griechenland hörst und liest Du: “Die Deutschen träumen immer davon, die Herren über Europa zu werden.“ Die Literatur bricht oft mit den Stereotypen. Oder zumindest muss sie mit ihnen brechen. Darum kann es sein, dass sie „gefährlicher“ wird. Warum solltest Du etwas übersetzen, was Dich Dich schlecht fühlen lässt und alles in Zweifel zu ziehen, was Du gelernt hast? Und letztlich, wie sollst Du es schaffen, sowas zu verkaufen? Die interessanteste Literatur war und wird die nicht-kommerzielle sein.



7. Ich kann nur einige Namen zeitgenössischer Schriftsteller nennen, die meiner bescheidenen Meinung nach, wert sind, übersetzt zu werden: Dimitris Dimitriadis, Thanassis Triaridis, Lenos Christidis, Dimosthenis Papamarkos. Von den älteren werde ich nur einen anführen: Giorgos Chimonas. Es ist großes „Pech“, dass er in einer kleinen Sprache wie dem Griechischen geschrieben hat. Hätte er auf Französisch oder Englisch oder Deutsch (usw.) geschrieben, wäre er heute bekannt und würde in der ganzen Welt gelesen.



8.Es bleibt zu hoffen, dass sich ein deutscher Verleger für mich interessiert. Ich habe schon immer an Wunder geglaubt. Das Leben hört auf schön zu sein, wenn Du daran nicht glaubst.



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